Unter Londoner Restaurants gibt es eine besondere Kaste: Die BYOB Etablissements, ohne Alkoholausschank. Nun ist es einerseits so, dass die britischen Behörden durchaus strenger sind als ihre deutschen Counterparts, und der Entzug der Alkohollizenz schnell zumindest angedroht wird, in den allermeisten BYOBs wird Alkohol aber aus religiösen oder kulturellen Gründen nicht verkauft. Nahezu exklusiv sind es also indische Restaurants, die hier oftmals von Muslimen aus Bangladesh betrieben werden, Sri Lankesen, Pakistani, Libanesen etc etc etc, die in diese Klasse fallen. BYOB steht dabei für „Bring Your Own Booze“, und das beschreibt sofort die Lösung des Problems: Einfach selber Getränke mitnehmen. Wobei „Booze“ schon in die Richtung deutet, die das meistens nimmt: Batterien von Stella Artois Dosen. Campo Viejo Supermarkt-Rioja. The End.

Da für alle anderen Restaurants Alkohol einen massiven Umsatzanteil darstellt, sind BYOBs oftmals schlicht bis grauenvoll eingerichtet und liegen abseits des Zentrums. In vielen Fällen bedeutet das aber nicht, dass das angebotene Essen auch zweiter Klasse wäre, ganz im Gegenteil: Wer ohne Schanklizenz ein erfolgreiches Londoner Restaurant betreibt, muss schon ein herausragendes Angebot mitbringen. Und genau dafür liebe ich BYOBs: Sensationell günstiges, authentisches Essen in einem Umfeld, in dem man auch mit den rowdyhaftesten wine mates nicht negativ auffällt, und die Möglichkeit, interessantere Weine auszusuchen, als sie die meisten Weinkarten anbieten. Die intensive Schärfe und/oder Würze nahöstlicher und asiatischer Küchen hat dabei noch einen weiteren Vorteil: Das Essen ist größtenteils ungeeignet im Zusammenspiel mit Angeberweinen, sondern bietet sich als herausfordernde Spielwiese für unübliche Pairings an. Bei zwei Besuchen in näherer Vergangenheit war dabei ein Rose Sekt mit im Gepäck, der es sowohl in Streatham’s Ilili mit fermentierten Mini-Auberginen und Makanek-Würstchen mit Granatapfel-Melasse aufnehmen konnte, als auch in Tooting’s Apollo Banana Leaf ein würdiger Partner für Bhaji von unreifen Bananen mit Chutney von Grünen Tomaten und Fish Masala Srilankesischer Machart war: Jean Maupertuis „Pink Bulles“ 2013.

photo credits: Noble Fine LiquorJean Maupertuis hatte als Quereinsteiger nach IT-Karriere Anfang der neunziger Jahre gleich doppelt Glück. Erstens studierte er Weinbau im Beaujolais, gerade als die Keimzelle der Gang Of Four dort den Weinbau revolutionierte, mit erst regionalen, später weltweiten Auswirkungen. Und dann, zurück in der heimischen Auvergne, gelang es ihm tatsächlich auf Anhieb, 3,5 Hektar Land und Equipment von einem in Rente gehenden Landwirt zu erweben. Das ist insofern bemerkenswert, als dass durch die Nähe zum industriell-wohlhabenden Clermont Ferrand nahezu alle Winzer der Region lieber verpachteten, in der Hoffnung auf eine baldige Umwandlung in Bauland. Maupertuis‘ Rebstöcke sind teilweise über 80 Jahre alt, und fristen auf kargen Böden ihr Dasein: La Plage, eine Einzellage von Maupertuis, heisst deswegen so, weil der Boden tatsächlich nur Sand und Stein zu sein scheint, aber was ihn das an Ertrag kostet, das gewinnt er an Konzentration. Gamay d’Auvergne, eine Abwandlung der Beaujolais-Leittraube, und Pinot Noir mit ein par wenigen Reihen Chardonnay, das ist das Ausgangsmaterial für Maupertuis‘ Weine, die mit großem Aufwand im Weinberg und geringer Intervention im Keller produziert werden, goldener 2014er Hipster-Standard.

Der Pink Bulles ist bei aller Ernsthaftigkeit dieser Weine der fröhlichste. Technisch betrachtet wird er aus 100% Gamay d’Auvergne nach der Methode Ancestrale hergestellt, der partiell fermentierte Wein wird abgefüllt, die weiter fortfahrende Fermentation produziert CO2, das CO2 stoppt am Ende den Fermentationsprozess. Im Resultat führt das zu einem Wein, der mit etwas Restsüße und eleganter Frucht (irgendwas mit Erdbeere, aber eben auch Waldfrüchten und einer gewissen Mineralität) so ziemlich zu jeder Tageszeit und Gelegenheit getrunken werden kann, ohne dabei banal zu sein. In vorherigen Jahrgängen, so das Internet, ist das Ergebnis offenbar manchmal beliebiger ausgefallen, aber 2013er Pink Bulles ist einer der versatilsten Foodweine, die ich kenne, zu einem sehr akzeptablen Preis (in Deutschland scheint niemand Maupertuis Weine zu vertreiben, aber dieser französische Händler bietet die Flasche für 13 Euro an und liefert ins Ausland: http://www.vinscheznous.com/older/414-pink-bulles-2011.html)

Apollo Banana Leaf  Tooting High Street  London SW17

Ich bin mir nicht sicher, ob Jean Maupertuis weiss, zu welch absurden Gerichten seine Weine hier getrunken werden, aber er sollte stolz darauf sein: An den Orten, wo die Weinhändler mit den roten Hosen und gestreiften Jacketts sich deutlich unwohl fühlen, und wo ihre kalifornischen Statusflaschen unter dem Ansturm von scharfen Lamminnereien, bitteren Chutneys, Wolken von Kumin und Koriander zusammenbrechen, da lebt Pink Bulles 2013 erst richtig auf. A proper Londoner also, wenn auch einer aus der Auvergne.

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Tayyabs: Der Pakistanische Lammhimmel
Hot Stuff: Es gibt zwar ein Menü indischer Generalistengerichte, aber die echte Hot Stuff Erfahrung ist es, sich in die Hände des Personals zu begeben.
Rochelle Canteen: Margot Henderson kocht ausschließlich Lunch unter der Woche, oftmals interessanter als die Restaurants ihres Mannes.
Golden Hind: BYOB Fish & Chips

Florian Siepert betreibt das Food&Wine Reiseunternehmen Opentrips.co.uk