Wie in der Übersicht schon angekündigt habe ich zu unserem Besuch im Tian in Wien ein etwas zwiespaltiges Verhältnis. Die rein vegetarische Küche ist sehr gut und erlebenswert, definitiv. Leider kann die Küche noch so gut sein – der Service bringt sie zum Gast. Fühlt man sich als Gast nicht wohl kann die Küche noch so sensationell sein, so richtig rund wird das Erlebnis nicht, so ging es uns also im Tian.

veganes Dessert Tian

veganes Ei & Fruchtsalat

Von vorn: Ich wollte unbedingt ins Tian zum Abendessen bei meinem Wien-Besuch. Eine meiner Begleitungen ernährt sich vegan und die Möglichkeit vegan auf solch hohem Niveau zu speisen ergibt sich auch nicht an jeder Ecke, insofern kannte sie das Tian schon. Dass sich an den veganen Gerichten offenbar selten was ändert und die auch auf der Karte eher spärlich vertreten sind, möchte ich hier nur anmerken und wage mich nicht das weiter zu beurteilen.
Nichts wie hin also. Wir hatten einen Tisch reserviert über Wochen vorher, explizit mit der Anmerkung am Rand bei den Polsterbänken zu sitzen, nicht in der Mitte an einem der freistehenden Tische. Wir waren zwar etwas spät dran (haben aber natürlich angerufen dass wir später kommen) und als wir rein kamen beobachteten wir gerade noch die Diskussion von anderen Gästen mit dem Kellner der sie – schwups – an unseren Tisch setzte. Doof – aber ok. Kann alles passieren ist nicht toll aber wäre da nicht mehr als “das mit ihrem Tisch-Wunsch ist sich nicht ausgegangen, kann ich jetzt auch nichts machen” drin?! .. ich denke eigentlich schon. Mit einer freundlichen Ausrede wären wir womöglich schon zufrieden gewesen.

Dessert Black & White

Black & White

Gut, platziert und um das etwas abzukürzen: Der Service war am Anfang gefühlt sehr hektisch und ein bisschen flapsig. Ich hätte mir mehr Ruhe gewünscht und auch, dass das Gericht auf dem Teller wenn es steht nochmal annonciert wird in wenigstens ein paar der vielen Komponenten. Das finde ich wichtig, gerade bei so kunstvollen und teilweise komplexen Kreationen. Mit steigender Präsenz meiner Spiegelreflex (obwohl ich die ja ohnehin möglichst versuche versteckt zu halten) stieg (leider!) auch die Freundlichkeit .. das haben wir alle drei am Tisch so wahrgenommen, und das ist was, auf das ich eher allergisch reagiere. Kamera hin oder her – jeder Gast ist gleich wichtig und im Gegenteil ist das für mich kein gutes Zeichen..

Tian Zwischengang Blumenkohl

Karfiol, Kohlsprossen & Granatapfel

Aber gut. All das hin oder her – das Essen war sensationell gut. Und das sage ich als überzeugter Fleisch-Esser. Wir hatten am Tisch einmal das vier Gänge Trüffel Menü, einmal fünf Gänge davon (so kam ich auch in den Genuss den extrem guten Tee vom Borschtsch mit Haselnussöl zu probieren) und einmal vier Gänge veganes Menü (man verzeihe mir, dass ich hiervon nur das Dessert – “veganes Ei mit exotischem Fruchtsalat” – fotografiert habe).

Indian Summer: ein netter Koch kommt aus der Küche zum Tisch mit einer Art Holzschachtel in der er uns gesmoktes Wurzelgemüse präsentiert zum Schnuppern. Schöne Idee. Er verlässt uns wieder, kurz danach haben wir den Indian Summer auf dem Teller. Mit seinen vielen Komponenten wirklich eine kleine Geschmacksexplosion – und natürlich ein Hingucker.

Indian Summer Tian Wien

Indian Summer - Wurzelgemüse in unglaublich gut

Erdäpfelsalat 2.1 mit Perigord Trüffel und Wildkräuter: ja, lecker. Das mit dem Trüffel .. ehrlich gesagt fand ich den jetzt nicht soo präsent (außer auf dem Gerüst über dem Salat). Überhaupt war das der Gang, der mich jetzt am wenigsten beeindruckt hat. Nichtsdestotrotz: schön abgestimmt und alles, fein.

Erdäpfelsalat mit Trüffel Tian Wien

Erdäpfelsalat 2.1 mit Trüffel

Karfiol – Kohlsprossen – Granatapfel, Gegenbauer Edelsauer Bouvier Aceto Nobile & Crème brûlée: mein Favorit, obwohl eigentlich sehr schlicht. Aber das Blumenkohlpüree (ja, immer diese Österreichischen Gemüse-Namen..) waren so toll zusammen mit dem Kohl und dem Granatapfel, dazu der feine Essig – das war wirklich überraschend gut. Am Tisch gab es noch ein paar Tropfen Passionsfrucht oben drauf. Die Crème brûlée hatte ein Trüffelscheibchen oben drauf, war aber sonst für meine Geschmacksnerven eine “normale” Crème brûlée. Fand ich nett, hätte ich aber jetzt nicht vermisst.

Karfiol im Tian Wien Zwischengang

best Blumenkohl ever

Spinatmarubini mit Perigord Trüffel-Verbene-Nagé: Die Marubini (im Endeffekt jetzt zur Grundvorstellung gefüllte Nudeltaschen) waren sehr fein vom Teig und auch von der Füllung her. Die Verbene-Nagé war ganz ausgezeichnet, auch in Kombination mit dem Trüffel.

Pasta mit Trüffel & Verbene

Marubini mit Trüffel und Verbene

Käse von Maître Bernard Antony mit hausgemachtem Apfel-Nussbrot: sah sehr gut aus, es gab übrigens auch noch Pellkartoffeln dazu – habe ich aber nicht probiert.

Black & White, Guanaja-Bitterschokolade und Banane: wow, war das gut. Besonders die Kombination mit der Banane, hinter der man zunächst “nur” weiße Schokolade vermutet hätte. Sicher eins der besten Desserts, die ich bisher probiert habe.

Tian Wien Dessert

Guanaja & Bananen Traum

Petit Four

Tian Petit Four

kandierte Früchte und Praline

Ob ich nochmal hingehen würde? Erstmal nein – und das nicht nur, weil ich in Wien noch vieles andere zu entdecken habe. Für meinen Geschmack ist die Atmosphäre ein bisschen zu kühl und bei gehobenen Preisen wie diesen gehört für mich absolut professioneller Service dazu. Allein schon, um der sehr guten Leistung der Küche gerecht zu werden. Was ich mir allerdings gut vorstellen kann, dass das Tian eine schöne Wahl für einen Lunch ist mittags..