Teneriffa ist eine sehr besondere Insel. Für mich, die dort schon unzählige (Familien)Erinnerungen, kulinarische und landschaftliche Eindrücke gesammelt hat sowieso. Wie viele andere echte Schönheiten offenbart die Insel ihre Reize vielleicht nicht ausnahmslos auf den ersten Blick und auch beim Wein muss man zugegebenermaßen die echten Perlen erstmal tauchen. Dass es auf Teneriffa sehr wohl erstrebenswerte Weine gibt diskutiere ich schon seit Jahren, man möchte nämlich garnicht glauben, wie viele Vorurteile sich wacker halten. Gut, dass ich bei meinem letzten Ausflug nach Teneriffa Winzer treffen und Weingüter kennenlernen konnte, die das Gegenteil beweisen. Roberto Santana von Envínate hat mich mitgenommen zu den wohl spektakulärsten und ältesten Weinbergen, die ich bisher (und vielleicht auch in Zukunft) besuchen durfte.

Envinate, Taganana, Teneriffa

Envínate ist nicht einfach ein Weingut auf Teneriffa. Das Projekt der vier Weinmacher Roberto Santana, Alfonso Torrente, Laura Ramos und José Martínez umfasst nicht nur vier interessante Persönlichkeiten, sondern auch vier Orte, an denen die Envínate Weine entstehen. Die Böden der Kanaren, Ribeira Sacra, Extremadura und Almansa legen den Grundstein für die Weine der vier, die nicht etwa je von einem in einer Region gemacht werden. Das Quartett, das sich beim Weinbaustudium in Alicante kennengelernt hat, reist regelmäßig an die vier Standorte und trifft alle Entscheidungen die Arbeit im Weinberg und im Keller betreffend ausdrücklich und ortsunabhängig zusammen.

Auf dem Weg von Santa Cruz, der Hauptstadt Teneriffas, über die beeindruckende Anaga-Gebirgskette, erzählt mir Roberto viel über die Geschichte und der Insel, die ebenso bewegt wie ihre Landschaft divers ist. Englische Seefahrer, Portugiesische Besetzung, die Vernichtung des Guanchen-Volkes – die Ureinwohner der Kanaren – all das hat die Insel über Jahrhunderte geprägt und der Weinbau hat historisch hier immer eine tragende Rolle gespielt. Den Pass erklommen, schlängelt sich die Strasse auf der nord–stlichen Seite der Insel hinter dem Anaga-Gebirge nach unten an die raue Küste. Wie überall auf Teneriffa fasziniert die schnell wechselnde Vegetation und das schroffe, gleichsam wunderschöne Landschaftsbild. Dieses Fleckchen hier ist abgelegen, nur zwei Straßen führen Wanderer und Touristen hier her und wir sind weit ab von den Urlauber-Hochburgen.

Wo vor mehreren Jahrhunderten der Weinbau praktisch eine Industrie war, Englische Handelsschiffe angelegt und ein großer Teil der Inselbewohner ihr Ausgekommen gefunden hat ist heute das Tor zu einer anderen Welt.

Roberto Santana, Envinate wines, Teneriffa

“Jurassic Park” nennt Roberto den zweiten Weingarten, den wir besuchen und ja: hier ist die Zeit stehen geblieben. Unangetastete Natur, vor Jahrhunderten terrassierte Weingärten und Rebstöcke, die schon bis zu 300 Jahre gen Norden Richtung Madeira blicken.

100 und mehr Jahre alte Weingärten sind hier auf der Insel nichts, was besonders hervorzuheben wäre. Während im späten 19ten Jahrhundert die Reblausplage praktisch in ganz Europa für eine Zäsur in der Weinindustrie sorgte, blieben die Kanaren von der Plage verschont. Dass heute viele der alten Weingärten – besonders hier in dieser Ecke der Insel – verwaist sind ist umso bedauernswerter. Taganana hält Envínate als einziges Weinprojekt die Weingärten am Leben und bemüht sich Schritt für Schritt um die Rekultivierung – angesichts der extrem widrigen Arbeitsbedingungen, Steillagen und über Jahrhunderte ohne “Struktur” gewachsenen Weingärten eine Sisyphos Arbeit, die viel Leidenschaft und Geduld braucht.

Die starken, knorrigen autochthonen Rebstöcke hier wachsen gemischt, es findet sich insgesamt viel Listan (weiß und rot) auf der Insel. Der Taganan Tinto von Envínate zum Beispiel vereint Vijariego Negro, Negramol, Moscatel Negra, Listán Negro und Listan Gacho – nicht als Cuvée, sondern im gleichen Weingarten gewachsen, ähnlich dem Gemischten Satz. Die Stöcke haben hier über die Jahrhunderte und Jahrzehnte mit ihren Wurzeln die steilen vulkanischen Böden durpflügt und durchzogen – es ist kaum auszumachen, wo der Ursprung all der Rebstöcke ist, die mit ihren vielen starken Armen immer wieder eintauchen und an anderer Stelle wieder aus der Erde brechen.

Jeder Weingarten, erklärt Roberto, hat hier seine ganz eigene DNA – und genau das macht auch die Weine zu so etwas Besonderem.

Hier wird nicht verpflanzt und aufgepfropft und der Listan aus einer Lage kann sich völlig anders entwickelt haben als der ein paar Kilometer weiter. Auch die jungen Stöcke stammen alle von den jeweils alten auf dem selben Flecken ab und ziehen ihr Erbgut mit. Eben diese einzigartige DNA der Weine ist das, was Roberto, Alfonso, Laura und José ausdrücken, herausarbeiten und am Ende in die Flasche füllen. Das beginnt bei der biodynamischen Arbeit im Weinberg, die nur minimal in die Natur eingreifen soll und geht weiter mit der Vinifizierung im Keller, die den Charakter der Weine nur herausarbeiten, keinesfalls leiten und manipulieren soll. Das Ergebnis sind faszinierend vielschichtige, wilde und trotzdem elegante Weine, die bei aller Komplexität zugänglich, mundwässernd und dabei noch hervorragende Essensbegleiter sind.

Die Weine sind zwar rar, in Deutschland aber über Ravenborg zu beziehen. Kleiner Tipp: in München z.B. in der Grapes Weinbar auf der Karte.