Wer nach Portugal – genauer ins Alentejo – fährt, muss sich schnell ein neues Verständnis für Dimensionen angewöhnen. Wir haben schon nach einem Tag die portugiesischen 10 Minuten (die mindestens einer halben Stunde Wegstrecke entsprechen) als geflügeltes Wort gesetzt. Das Land ist weit und einsam, ein bisschen habe ich hierzu ja bereits im Zusammenhang mit Évora erzählt. Unter 15 Weingütern in 4 Tagen waren eigentlich nur zwei “große”. Die meisten waren “klein” – also mindestens 30-40 Hektar, oder “mittel” – also mindestens 100 Hektar groß. Zwar sind hier meist noch andere Kulturen als Wein in die Gesamt-Anbau-Bilanz aufzunehmen, so wie Oliven, Zitrusfrüchte oder sogar Weidegrund, dennoch: ins Verhältnis mit z.B. deutschen oder österreichischen Betriebsgrößen lässt sich das kaum setzen.

Schafe beim Weingut Esporão

Die Herdade do Esporão ist mit 600 Hektar tatsächlich einer der Riesen im Alentejo und sich sympathischerweise gerade deswegen seiner Verantwortung gegenüber Natur und Mitarbeitern umso bewusster. Von der Kultivierung diverser anderer Kulturen zwischen den Weinstock-Reihen über den selbstverständlichen Gemüse-Anbau für Restaurant- und Personal-Betrieb bis zur Schrittweisen Umstellung auf komplett organische Bewirtschaftung arbeiten hier diverse spezialisierte Teams daran, die Gesamtheit der Erzeugung möglichst nachhaltig zu gestalten. Dazu gehört neben der Bepflanzung auch ein Teil Viehwirtschaft und neben dem Weinanbau auch ein großer Teil Olivenöl-Erzeugung.

Wir verkosten uns durch die Weißweine der Herdade, angefangen beim Monte Velho, der als Einstiegswein mit ca. 4 Euro, seinen angenehmen Zitrusnoten und Frische mit Nichten langweilig ist und ein wirklich gutes Preis-Leistungs-Verhältnis vorlegt. Der Verdelho 2014 liegt preislich rund doppelt so hoch, bietet angenehme Frucht, Intensität und merkliche Substanz ohne an Frische einzubüßen. Schon seit 15 Jahren kultiviert das Weingut Verdelho und war damit damals Vorreiter im Alentejo.

Vermentino "Test" bei Esporão

Spannend im Direktvergleich ist das Experiment, das Esporão mit seinem Vermentino schon im zweiten Jahr fährt: Der “Test 2.1.” wurde komplett biologisch, der “Test 3.1.” konventionell ausgebaut, sonst soweit zu gleichen Bedingungen. Wo die Ernte im ersten Jahr noch am selben Tag stattfand, was wegen des unterschiedlich weit fortgeschrittenen Reife-Grades ebenso unterschiedliche Ergebnisse zur Folge hatte, hat man das Lesegut im zweiten Jahr mit gleichem Reifegrad geerntet und dann vinifiziert. Der organisch ausgebaute Vermentino kommt deutlich intensiver daher, mit mehr Ecken, Kanten und Charakter. Der konventionelle “Test 3.1.” dagegen hat vertraute Stringenz, ist geradlinig und sauber. Beides nicht verkehrt – der persönliche Geschmack sagt aber deutlich: Test 2.1. bitte!

Vorspeise beim Weingut Esporão

Mein Favorit kam zusammen mit der Vorspeise aus der Küche des auch öffentlich für Besucher zugänglichen Restaurant des Weinguts. Die Reserva Branco 2012 hatte schon zwei Jahre Zeit zur Ruhe zu kommen und gefällt mit einer schönen Ausgewogenheit zwischen dem gut eingebundenen Holz, der angenehmen Säure und ihrem leichten Schmelz.
Zum ebenfalls sehr feinen Hauptgang (das schwarze Schwein auf dem Teller ist im Alentejo quasi omnipräsent) war die rote Reserva 2008 aus der Magnum ein perfect match. Überhaupt: die Küche des Restaurants ist frisch, zwar ambitioniert aber nicht überkandidelt und verwendet Zutaten aus dem eigenen biologischen Anbau von Salat bis Fleisch. Sollte man bei einem Besuch auf keinen Fall auslassen. Die Terrasse protzt mit einem sensationellen Ausblick über Weingärten und Wasserspeicher-See und der Weingut-Shop hält neben den Weinen die sortenreinen und zum Teil prämierten (Bio)-Olivenöle bereit. In meinem Koffer war zum Glück noch Platz.

Herdade do Esporão
7200-999 Reguengos de Monsaraz
Portugal