In München verstehen wir uns ja gerne als die nördlichste Stadt Italiens. Das stimmt natürlich. Und nicht nur am zweiten Wiesn-Wochenende, auch sobald ein einzelner Sonnenstrahl die Frauentürme küsst. Da werden Brigarden von Terrassen-Stühlen aufgestellt, alle sind draußen und es ist einfach schön. Sommer in der Stadt eben, so wie wir (Münchner) das mögen. Weil wir dann uns dann ein bisschen italienisch sein dürfen, auch zu Hause, wenn wir gerade nicht am Gardasee rumlungern. Aber die Toskana – das ist nochmal was anderes, leider.. wir haben hier keine Pinienhaine und auch nicht dieses Licht und auch keine Weingüter und keinen Brunello. Das ist über alle Maßen schade, aber man will ja auch noch Urlaubsziele haben. Umso schöner, einen Abend in der Toskana zu verbringen, mitten in München, in Haidhausen genauer gesagt. Das liegt ja auch immerhin schon mal südlich der Innenstadt. Das Weingut Ruffino hat einen wunderbaren Abend in Holger Strombergs kounge ausgerichtet, der so schön war, dass wir zwischendurch doch glatt vergessen konnten, dass unter uns kein toskanischer Hügel mit einem Weinberg drauf ist, sondern ein paar Meter weiter die Isar fließt.

Ruffino Weine Bella Notte

Ruffino Weine - Bella Notte

Anlass des Abends war die Vorstellung eines neuen Weins des Traditionsweinguts Ruffino, und zwar in der Bastflasche. Genau die Flasche, zu der wir mittlerweile so negative Assotiationen haben. Billiger Lambrusco, untrinkbare rote Brühe mit Touri-Charme. So war das nicht immer, im Gegenteil. Die “Fiasco”, wie die Bastflasche eigentlich heißt (was ihrem Negativ-Image der letzten Jahre vermutlich nicht direkt zuträglich war), geht mit ihrer Geschichte bis in die Renaissance zurück.

Ruffino Chianti Superiore Bastflasche

Ruffino Chianti Superiore

Die bauchige Form war inspiriert von den Wasserflaschen der Ritter, die so ihren Durst stillten – und mit ihrem charakteristischen Aussehen hat die runde Flasche mit Bastverkleidung es auf viele Kunstwerke großer Maler geschafft. Ruffino selbst hat schon ab der Gründung des Weinguts 1877 auf die Bast- (oder Korb-)Flasche gesetzt und darin weltweit den Chianti als Symbol italienischer (Wein)Kultur eingeführt.

Warum nun aber zurück zu alten Mustern? Ruffino ist, den Eindruck konnte ich letzten Freitag gewinnen, ein Betrieb, wo Tradition und italienische Geschichte offenbar gelebt wird, und auch viel Wert auf dem Erhalt – und der Vermittlung – dieser Werte liegt. Was ja nicht unbedingt auf der Hand liegt, bedenkt man, dass Ruffino durchaus ein sehr bekannter (und auch großer) Betrieb ist. Sinn für Tradition und Lebensart zeigen nicht nur die Weine (zu denen ich im Einzelnen später komme) – es war auch sehr schön, und finde ich bezeichnend, dass das Team des Weinguts für uns gekocht hat. Und nicht nur gekocht, sondern mit leuchtenden Augen von der extra aus der Heimat mitgebrachten Salami, vom so gut zum Wein harmonierenden Käse und von den selbst gebackenen “Burger”-Semmeln geschwärmt hat. Das ist Leidenschaft, die vorhanden ist oder eben nicht – und nichts, was mit noch so viel Marketingdenke ersetzbar wäre.

Ruffino Bella Notte Toskanische Köstlichkeiten

Toskanische Köstlichkeiten

Ich habe in erster Linie die Rotweine verkostet. Schön, dass an diesem Abend wirklich Zeit dazu war – und das nicht zwischen Tür und Angel von statten gehen musste. Es war Zeit, zwischendurch über die Besonderheiten der Weine zu sinieren, die ein oder andere Anekdote drum herum zu hören – und was ich sehr spannend fand – die ein oder andere Köstlichkeit zu den Weinen zu kombinieren. Zu schmecken welcher Wein und warum und im Verlgeich besser oder vielleicht auch weniger zur Salami, zum Käse oder zur pappa al pomodoro passt war nicht nur interessant, sondern für mich auch sehr lehrreich.

Ruffino Weine Käse weiße Schokolade Oliven

weiße Schokolade - Blauschimmelkäse - Oliven

Ganz nach der Tradition des Gutes und der Region findet sich im Portfolio von Ruffino zu einem großen Teil der Chianti in verschiedenen Qualitätsstufen. Gemeinsam haben sie – und auch das ist auf die Weinkultur in Italien rückführbar – dass sie alle sehr schöne Speisebegleiter sind. Gemeinsame, ausgedehnte Dinner, sind in Italien fester Bestandteil des gesellschaftlichen und familiären Lebens – was es auch bei uns sehr viel mehr sein sollte finde ich. Auch der Wein gehörte da schon immer dazu, was auch die bewusste Ausrichtung der Weine als Essensbegleiter erklärt. Spricht natürlich unbedingt und trotzdem nichts dagegen, einen Top-Chianti auch nach dem und ohne Essen im Glas zu haben.

Der erste Chianti aus unserer Verkostungsreihe ist zugleich der günstigste und eigentlich ein perfekter “für jeden Tag zum Essen” Wein. Dem entspricht sein Preisniveau ebenso wie seine relative Unkompliziertheit – was durchaus nichts Negatives ist. Er ist zum Beispiel perfekt zur unprätentiosen Pasta oder Pizza.

Ruffino Riserva Ducale Chianti Classico

Ruffino Riserva Ducale Chianti Classico

Eine Stufe “höher” ordnet sich der neue Chianti in der neuen Bastflasche ein. Er ist ein Chianti Superiore mit 70% Sangiovese Anteil und der Qualitätsunterschied zum ersten Chianti wird gleich deutlich, kommt er eine Spur kräftiger und auch komplexer daher. Einem kleinen Anteil Syrah verdankt er seine angenehm runde Ausgewogenheit. Mich erinnert in der Nase deutlich an dunkle Kirsche ohne aufdringlich fruchtig zu sein. Francesco empfiehlt mir dazu ein Stück von der extra importieren würzigen Salami und die perfekte Ergänzung zum Essen wird so einmal mehr deutlich. Es ist als würde die Speise den Chianti regelrecht aufschließen – noch eindrucksvoller geschieht dies mit den noch folgenden, komplexeren Weinen.

Die Riserva Ducale hat ihren Namen auch aus der Geschichte, nämlich von einem Herzog, der sich nur die besten Weine der Umgebung zusammentragen lies. Hier sind wir jetzt schon beim Chianti Classico und damit bei 80% Sangiovese, außerdem Merlot und Cabernet Sauvignon. Sehr fein, auch zum Essen – hierzu habe ich die pappa al pomodoro probiert, die urtoskanische Tomaten-Brot-Suppe mit Olivenöl. Die fruchtige, leicht bittere Note geht schön zusammen mit dem durchaus kantigen aber trotzdem balancierten Chianti.

Ruffino Riserva Ducale Oro Chianti Classico 2001

Ruffino Riserva Ducale Oro Chianti Classico 2001

Die Riserva Ducale Oro 2008 ist – wie der Name schon vermuten lässt, die vergoldete Version der Riserva Ducale und hat mit insgesamt 36 Monaten (davon 2 Jahre im Holz) einiges an Zeit gehabt, Aroma auszubilden und Komplexität zu entfalten. Das schmeckt man auch – der Unterschied zu den zuvor probierten Weinen ist deutlich. Francesco nennt den “Oro” die “formula uno” aus ihrem Hause und das ist nachvollziehbar. Natürlich hat der Wein Potential für Jahre zu lagern – wie schön er sich entwickeln wird lässt die Riserva Ducale Oro 2001, die wir ebenfalls kosten, vermuten. Sieben Jahre älter hat sie schon ein wenig von ihren noch recht spitzen Kanten verloren, die betörenden Aromen von dunklen und auch getrockneten Früchten sind schon deutlicher. Trotzdem sind Säure und Tannine noch stark präsent und greifen mit offenen Armen um würzigen Peccorino und leicht scharfe Paprika-Salami.

Die Verkostung der verschiedenen Chianti-Qualitätsstufen fand ich wahnsinnig interessant – zumal ich kein ausgewiesener Experte italienischer Rotweine bin. Sogar noch aufschlussreicher fand ich vielleicht den Vergleich mit zwei weiteren Weine aus dem gleichen Haus.

Tenuta Greppone Mazzi Brunello die Montalcino 2007

Tenuta Greppone Mazzi Brunello die Montalcino 2007

Zum einen der Greppone Mazzi Brunello di Montalcino. Mit 100% Sangiovese präsentiert sich da ein für mich sehr geradliniger Wein im Glas und ich rieche und schmecke das, was ich mir unter “Eleganz” beim Wein vorstelle. Kraft und Ausgewogenheit, subtile Frucht und perfekt balancierte Säure auf einer Linie und doch irgendwie rund ohne aufgeplustert zu sein. Schlicht und pur und doch komplex. Wow.

Zum anderen – und das war für mich der interessanteste Kontrast des Abend, der Ruffino Modus. Hochdekoriert mit diversen Weinpreisen und, um das vorweg zu nehmen, ohne Zweifel ein fantastischer Wein. Schon die dichte Farbe und betörende Frucht in der Nase unterscheiden ihn deutlich von den Chianti, vom Brunello sowieso. Der Modus bietet ein perfektes Zusammenspiel zwischen Eleganz, Struktur und fast schon weicher Rundheit. Diese “pleasing” runde Ausgewogenheit hat er sicherlich seinem 25%igen Merlot-Anteil zu verdanken, der Rest setzt sich wiederum aus 25% Cabernet und 50% Sangiovese zusammen, gereift ist der Modus ein Jahr im neuen Barrique. Nach der Verkostung aller anderen, ziemlich traditionellen Weine des Hauses wird sofort klar – der Modus ist nicht unbedingt Toskana-typisch. Damit einher geht vielleicht, dass der Modus am allermeisten von allen verkosteten Weinen ein “Solo-Wein” sein kann. Er “braucht” nicht unbedingt eine Speise als Begleitung – was nicht heißt, dass er keine Bereicherung zum tollen Essen wäre.
Mein Herz (und Gaumen) haben – und Geschmack ist ja zum Glück (!) etwas unstreitbar persönliches – mehr für die Riserva Ducale Oro geschlagen. Vielleicht gerade wegen der ausgeprägteren Ecken und Kanten.

Ruffino Modus 2010

Ruffino Modus 2010

Alles in allem ein sehr schöner und genussreicher Abend voller (neuer) Erkenntnisse. Sicherlich werde ich in Zukunft auch den Chianti des Öfteren mal als Essensbegleiter in Erwägung ziehen – und auch nicht nur als Essensbegleiter.